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EINE ERKLÄRUNG DES KARMA
Wenige Vorstellungen sind so sehr mißverstanden oder schwierig zu definieren wie das Konzept des KARMA.
So wie Liebe oder Glück scheint es für jeden etwas anderes zu bedeuten, selbst wenn die meisten darin übereinstimmen, daß es etwas mit dem Prinzip von Bestimmung, Schicksal, Vorbestimmung oder auch mit Reinkarnation zu tun hat
Wenn wir jedoch Karma im Sinne der Philosophie des Nichiren Buddhismus definieren, und den zugegebenermaßen, herausfordernden Schritt machen, seine Funktion als real funktionierendes Phänomen zu akzeptieren, dann wird offenbar, daß es nur ganz wenige Prinzipien gibt, bei denen es so wichtig ist, sie zu verstehen, wenn wir glücklich werden wollen.
Wenn ich dies schreibe, komme ich mir immer noch als ein unerleuchteter, gewöhnlicher Sterblicher vor, was im wesentlichen bedeutet, daß mein Verständnis, wenn auch fortgeschritten, immer nur intellektuell bleibt, ohne die Unterstützung von einer Art von echtem Erwachen zu dem in meinem Leben wirkenden Prinzip des Karma. Also wenn auch das Folgende logisch erscheint, so kann ich doch nicht ehrlich behaupten, daß ich es völlig glaube. Noch nicht.
WAS GESCHIEHT MIT DIR ?
Auf der einfachsten Ebene, kann man Karma einfach als das betrachten, was einem passiert. Auf diesen Weise bezeichnen die Menschen Dinge wie "Krankwerden", "der Liebe ihres Leben begegnen", "einen Verkehrsunfall haben" oder "einen Parkplatz finden" als das Wirken des Karma. Aber wenn unsere Überlegungen an dieser Stelle enden würden, dann müssten wir schließen, daß wir wenig oder keine Kontrolle über die Geschehnisse in unserem Leben hätten. Daß unser Schicksal bereits bis zum letzten Detail durch äußere Mächte bestimmt wurde und daß der freie Wille eine Illusion ist.
Sicherlich mögen wir oftmals das Gefühl haben, daß unsere Leben so funktioniert, aber selbst die nihilistischsten unter uns hatten Erlebnisse, die dieser Sicht entgegenstehen. - Erfahrungen bei denen wir uns ein Ziel setzten, Widerstände überwandten und unser Ziel durch unsere eigenen Anstrengungen erreichten. Auch wenn es dumm von uns wäre zu glauben, daß wir vollkommene Kontrolle über das hätten, was uns geschieht, so wäre es doch gleichermaßen dumm zu glauben, wir hätten keinerlei Einfluß darauf (selbst wenn wir nur - um ein lächerliches Extrem zu gebrauchen - durch díe winzige Gravitationskraft der Masse unseres Körpers auf all die anderen Körper im Universum wirken.
Wenn wir dies akzeptieren, daß wir tatäschliche Kraft haben, durch unsere Handlungen Dinge zu beeinflussen, vielmehr durch unsere bloße Existenz (auch wenn manchmal nur zu einem winzigen Grad), dann kann die Annahme, daß unser Karma´, das was mit uns geschieht, starr durch eine äußere Macht fixiert ist - Schicksal, Vorsehung oder Gott - nicht als gültig angesehen werden.
DAS GESETZ VON URSACHE UND WIRKUNG
Tatsächlich lehrt der Buddhismus das genaue Gegenteil: daß alles was mit uns geschieht letztendlich auf unseren eigenen Einfluß zurückzuführen ist - ob absichtlich oder nicht - und daß Zufälle in Wahrheit eine Illusion sind.
Wie kann das so sein?
Nach der buddhistischen Lehre wegen der Wirksamkeit des Gesetzes von Ursache und Wirkung.,
KARMA ist ein Sanskrit-Wort, dessen buchstäbliche Bedeutung "Handlung" ist und Handlung ist auch tatsächlich das geweinsame Element, um das sich alle die philosophischen Folgerungen ranken. Buddha Shakyamuni (der originale, historische Buddha, der vor etwa 2500 Jahren in Indien lebte) soll gesagt haben:
"Wenn jemand eine gute oder schlimme Handlung tut, wird er selbst zum Erben dieser Handlung, denn diese Handlung verschwindet tatsächlich niemals."
Mit anderen Worten,: Die schlummernde Kraft unserer guten und schlechten Handlungen bleibt in unseren Leben, jede Tat bleibt in der Gegenwart als potenzielle Kraft oder Energie, die den Verlauf unserer Existenz vom Augenblick dieser Handlung an beeinflußt. In diesem Sinne ist es besser angebracht von einer "Handlung PLUS des Beinflussungsvermögens" auf unser Leben zu sprechen.
In anderen Worten: alle Wirkungen in unserem Leben, was immer uns geschieht, sind ohne Ausnahme von Ursachen bestimmt, die wir selbst in der Vergangenheit gesetzt haben. Ursachen sind hier als Gedanken, Worte und Taten definiert, in der Reihenfolge ihrer Bedeutung aufgelistet.
Kausalität ganz allgemein ist etwas, das jedermann versteht und auch einsieht, daß jede Wirkung eine Ursache hat. Wir mögen nicht in der Lage sein, festzustellen, genau welche Ursache für genau welche Wirkung zuständig ist, aber es ist sehr schwierig, wenn nicht unmöglich, sich eine Wirkung ohne Ursache vorzustellen.
Jedoch wird dieses Prinzip allgemeiner Kausialität im Buddhismus noch weiter gefaßt. Der Buddhismus bezeichnet das Prinzip von Ursache und Wirkung als universelles Gesetz das nicht nur das physische Universum bestimmt, sondern auch unsere eigenen Leben.
Im Wesentlichen funktioniert es so:
Alles, was wir denken, sagen oder tun wirkt als Ursache, daß sich zu irgendeiner Zeit in der Zukunft , wenn die Umstände dafür reif sind, als Wirkung manifestiert. Das erscheint auf gewisse Weise offensichtlich: wennn Du zornig wirst (Ursache), könntest Du verhauen werden (Wirkung).
Der Buddhismus jedoch geht noch weiter und behauptet, daß alle Ursachen, die wir irgendwann in unserem Leben setzen, wie die Transaktionen bei einer Bank gespeichert werden. Gute Ursachen zu setzen, wäre dann vergleichbar einer Einzahlung, die dann irgendwann in der Zukunft wieder abgehoben werden kann, während schlechte Ursachen wie die Inanspruchnahme eines Kredits sind,, der irgendwann in der Zukunft zurückgezahlt werden muß.
So wie zum Beispiel, wenn Du heute über jemanden lästerst, dabei herauskommt, daß sie über Dich lästern werden (wenn sie davon hören), oder auch, daß Du Dir als Resultat das Bein brichst.
Gerade diese letzte Möglichkeit ist sehr schwer anzunehmen. Um dies zu tun, müßten wir zuerst akzeptieren, daß alles Vorgänge im Universum durch ein sublimes Mosaik von Ursachen und Wirkungen verwoben sind, wobei jede einzelne Ursache zu einer Wirkung führt, die ihrerseits wiederum die Ursache für eine weitere Wirkung wird und so weiter und so weiter bis nach Jahren, Jahrzehnten oder sogar Lebenszeiten(!) später ein endgültiges Resultat uns erreicht. Eine Wirkung, die wir niemals, mit unserer bewußten Wahrnehmung, in Raum und Zeit rückwärts zu ihrer ursprünglichen Ursache verfolgen können.
Die Vorstellung, das Universum könnte auf diese Weise wirken, überschreitet nahezu die Vorstellungsfähigkleit unseres Geistes, ist aber dennoch, zumindest in der Theorie, möglich. Mehr als das, denn wenn wir dieses Konzept im Lichte unserer tagtäglichen Erfahrung mit Ursache und Wirkung betrachten, ist es tatsächlich schwieriger die Vorstellung von Zufall anzunehmen.
DIE GLEICHZEITIGKEIT (Simultaneität)
VON URSACHE UND WIRKUNG
Wenn wir akzeptieren, daß unsere heutige Verleumdung von jemandem wirklich die wahre Ursache sei, daß wir uns als Resultat morgen ein Bein brechen, so erfordert dies nicht nur, daß wir das Universum als Non-sense-Maschine (Ruby Goldberg machine) begreifen, das heißt, daß wir nicht nur die Gültigkeit des Gesetzes von Ursache und Wirkung anerkennen, sondern auch, daß wir die Simultaneität des Gesetzes von Ursache und Wirkung als gültig annehmen.
Die Vorstellung, saß Ursache und Wirkung gleichzeitig eintreten ist eine weitere, schwer zu glaubende Idee (obwohl nicht die am schwersten zu begreifende, die kommt noch!).
Gemäß diesem Prinzip kommt in genau demselben Augenblick, in dem Du eine Ursache setzst, ihre Wirkung in Dein Leben, nicht sichtbar, sondern vielmehr latent, (daher auch der Ausdruck "latente Wirkung"), etwa so, wie eine Mausefalle, die gespannt wird, durch eine ganze Reihe von Ereignissen ausgelöst werden könnte - zum Beispiel durch einen betrunkenen Autofahrer. Eine trunkene Kurvenfahrt könnte ganz leicht die äußere Ursache darstellen, die die potenzielle Energie der "latenten Ursache" freisetzt, die wir durch unser Lästern hervorgebracht haben, und die unser gebrochenes Bein bewirkt..
Daß die potenzielle Energie einer "latenten Ursache" nicht unbedingt in einer direkt der ursprünglichen Ursache zuzuordnenden Weise geschehen muß (z.B. daß wir als Adressat der verunglimpfenden Bemerkung von jemand anderem stehen) sondern auch in einer andersartigen, scheinbar unzusammenhängenden Art, etwa so wie gemäß der physikalischen Gesetze Materie in Energie und Energie in Materie umgeformt werden kann - das ist tatsächlich die am schwersten vorstellbare Vorstellung. In diesem Beispiel wären die meisten von uns versucht, zu sagen, daß der betrunkene Fahrer die wahre Ursache für unser gebrochenes Bein sei - aber wir hätten nicht recht. Die innewohnende, wahre Ursache, durch die die Mausefalle zu Beginn gespannt wurde, war unsere Handlung, die Verunglimpfung einer anderen Person. Auf diese Weise, so argumentiert der Buddhismus, sind wir verantwortlich für jede Wirkung (nicht nur was uns geschieht, sondern auch die Erfahrungen von Emotionen wie Ängste und Depressionen - kurz - alles), was in unserer Existenz vorgeht.
Schaffe eine gute Ursache und Du wirst eine gute Wirkung genießen.
Schaffe eine böse Ursache und Du wirst eine schlechte Wirkung erleiden.
WIE KANN EINE WIRKUNG AUF UNSER LEBEN GEPRÄGT WERDEN?
Die Kausalitätskette, die ursprüngliche Ursache (z.B. Verleumdung) mit ihren manifestierten Wirkungen (z.B. gebrochenes Bein) verbindet, ist viel zu sublim, um sie von Anfang bis Ende aufzuspüren. Es wird schwierig, wenn nicht unmöglich für uns zu glauben, daß eine solche Kette existiert. Tatsächlich erfordert es aus buddhistischer Sicht, nichts weniger als ein großes Erwachen - die Erleuchtung selbst - wenn ein Mensch die Wirkungsweise des Gesetzes von Ursache und Wirkung in seinem eigenen Leben wahrnehmen kann.
Das wirkliche Annehmen der Vorstellung, daß eine Wirkung in unsere Existenzen "aufgeprägt" wurde, in dem selben Augenblick, indem wir ihre Ursache setzen, mag nur durch das große Erwachen ermöglicht werden, aber es gibt ein gewöhnliches Vorkommnis, das uns zumindest einen metaphorischen Rahmen liefert, in dem wir uns das begrifflich machen können: Verkehrsstau.
Es ist wohl bekannt, daß ein Stau auch noch Stunden nachdem die Trümmer des ursächlichen Unfalls weggeräumt wurden, weiter besteht. Es gibt keine sichtbaren Spuren mehr, für die Ursache des Staus und jeder, der in dem fortdauernden Stau steht, könnte logischerweise annehmen, daß die "latente Wirkung" des Unfalls sich irgendwie dem Ort "aufgeprägt" hat.
Die Art und Weise, wie von uns gesetzte Ursachen zu verschiedenen Wirkungen führen, sind auf reale Mechanismen zurückzuführen - nur können wir diese in unserem normalen Bewußtseinszustand nicht wahrnehmen.
Das Thema wird in einem späteren Artikel aufgegriffen.
VERANTWORTUNG und SCHULD
Wenn wir die Möglichkeit akzeptieren, daß wir selbst die Ursachen für alle Wirkungen, die uns in unserem Leben erfahren, gesetzt haben, bedeutet dies dann, daß die Frau, die von ihrem Ehemann oder Freund mißhandelt wird, die Schuld daran trägt? Oder dies gar verdient hat? Oder daß ein Säugling dafür verantwortlich ist, in Armut geboren zu werden?
Aus buddhistischer Sicht sind wir wohl verantwortlich, aber nicht schuldig, für jede Wirkung, die wir erleben. (Schuld kommt nur auf, wenn wir eine ganz bestimmte Wirkung beabsichtigen, wenn wir die Ursache setzen).
Kaufen wir zum Beispiel eine Fahrkarte nach Berlin und kommen in München an, dann verantwortest Du selbst durch Deine eigene Handlung den Fehler, Du trägst aber keine Schuld (denn München war ja nicht Dein beabsichtigtes Ziel)
Ob Du es verdient hast oder nicht, steht gar nicht zur Debatte.
Durch das unerbittliche Wirken von Ursache und Wirkung, hast Du die Wirkung erfahren von einer Ursache, die Du gesetzt hast.
Das Gesetz von Ursache und Wirkung ist unparteilich, unpersönlich und streng, ebenso wie das Gesetz der Schwerkraft, sie brauchen keine höhere Macht, um sie wirksam werden zu lassen.
Dies erklärt, wie schlimme Dinge guten Menschen geschehen können ( jeder hat in der Vergangenheit schlechte Dinge getan und jede Ursache ist an eine Wirkung gebunden, die irgendwann einmal in der Zukunft erfahren werden MUSS).
Zudem, ganz besonders wichtig, legt es die Macht unser Geschick zu gestalten, fest in unsere eigenen Hände: wir können ständig in der Gegenwart gute Ursachen setzen, die dann in Zukunft zu besseren Wirkungen führen
ABSCHLUSS
Warum ist das alles so wichtig?
Weil die Wirkunsgweise des Gesetzes von Ursache und Wirkung bedeutet, daß wir die Macht darüber haben, was mit uns geschieht - wir selbst bestimmen denn Grad unseres Glückes oder unseres Leidens indem wir ständig daran arbeiten unsere tiefsitzenden Überzeugungen zu reformieren, die so dumm und unwahr sein können.
Nur indem wir unseren Charakter ständig auf diese Weise aufpolieren, werden wir immer fähiger, zuverlässiger, schlechte Ursachen zu vermeiden, den "SOLL"-Betrag auf unserem karmischen Bankkonto zu verringern und das "HABEN" zu vergrößern, damit wir davon abheben können, wenn es in der Zukunft einmal nötig wird.
Es klingt fantastisch, ich weiß, und doch für mich auch ....anziehend. Ich weiß immer noch nicht völlig ob diese "Simultaneität" von Ursache und Wirkung wahr ist, aber ich möchte schon derjenige sein, der voll und ganz für alles in meinem Leben verantwortlich ist. Denn wenn ich es bin, wenn die Macht in meinem Leben Chaos zu schaffen, einzig bei mir liegt, dann doch auch die Macht zum Gegenteil.
In anderen Worten, Alles hängt von mir ab.
Alles.
Alex Lickerman, August 2009, In The Big Questions | Übersetzung: Sherab
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